Multiple Sklerose (MS) ist eine häufige Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der weltweit etwa 2,9 Millionen Menschen betroffen sind. Bei MS greift das Immunsystem fälschlicherweise die Schutzschicht um die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark an. Dadurch wird die Kommunikation zwischen dem Gehirn und dem Rest des Körpers gestört, was zu Symptomen wie Müdigkeit, Muskelschwäche und Gleichgewichtsstörungen führt. MS kann alltägliche Aufgaben wie Anziehen, Zubereiten von Mahlzeiten oder Gehen erschweren. Sie kann auch Gedächtnis und Konzentration beeinträchtigen. Dadurch werden Arbeit und soziale Kontakte schwieriger.
Mit Medikamenten bei MS wird versucht, Schübe zu reduzieren, das Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen und Symptome zu lindern. Rehabilitationstherapien können Menschen mit MS dabei unterstützen, besser mit ihren Symptomen umzugehen, den Alltag zu meistern und am sozialen Leben teilzunehmen.
Eine Rehabilitationstherapie ist die Ergotherapie. Sie hilft Menschen bei Alltagsaufgaben wie Anziehen, Kochen, Baden und Arbeiten. Ergotherapeut*innen unterstützen die Betroffenen dabei, Wege zu finden, wie sie diese Tätigkeiten leichter ausführen können, und geben ihnen Mittel an die Hand, die bei der Bewältigung der Symptome helfen. Sie arbeiten auch an der Verbesserung von Kraft und Koordination, um das tägliche Leben besser bewältigen zu können.
Wir wollten untersuchen, welchen Nutzen Ergotherapie für Menschen mit Multipler Sklerose hat. Dabei interessierte uns besonders, ob sie den Alltag, die körperliche und psychische HR-QoL sowie die Teilhabe verbessert. Wir wollten auch herausfinden, ob Ergotherapie unerwünschte Wirkungen hat.
Wir suchten nach Studien, die ergotherapeutische Maßnahmen mit anderen Maßnahmen, der üblichen Versorgung oder keiner Behandlung bei Menschen mit MS verglichen. Wir schlossen multidisziplinäre Studien aus – also Studien, in denen Vertreter mehrerer Gesundheitsfachberufe gleichzeitig beteiligt waren, es sei denn, der spezifische Beitrag der Ergotherapie wurde ausdrücklich beschrieben. Wir interessierten uns für die Wirkungen unmittelbar nach der Behandlung, drei bis sechs Monate nach der Behandlung (mittelfristig) und ein Jahr nach der Behandlung (langfristig). Wir kombinierten die Ergebnisse der Studien und bewerteten unser Vertrauen in die Evidenz auf der Grundlage von Faktoren wie Studienmethoden und Größe der Studien.
Wir fanden 20 Studien zu ergotherapeutischen Interventionen, an denen 1628 Menschen mit MS teilgenommen hatten. Zehn Studien befassten sich mit der Frage, wie Menschen mit MS bei der Bewältigung ihrer Fatigue unterstützt werden können; neun Studien konzentrierten sich auf die Verbesserung alltäglicher Aktivitäten wie Ankleiden und Kochen, und eine Studie zielte darauf ab, eine stärkere Einbindung in soziale Aktivitäten zu fördern. Die Studien wurden überwiegend in Ländern mit hohem Einkommen durchgeführt. Die Teilnehmenden an den Studien waren Erwachsene im Alter von 18 bis 70 Jahren, die an MS mit leichter bis mittlerer Behinderung litten.
Im Vergleich zu anderen Behandlungen führt die Ergotherapie kurzfristig möglicherweise zu kleinen Verbesserungen der Alltagsfunktion. Im Vergleich zur üblichen Versorgung oder zu keiner Behandlung sind die Vorteile möglicherweise größer. Allerdings ist die zugrunde liegende Evidenz überwiegend unsicher. Die mittel- und langfristigen Wirkungen sind unklar.
Ergotherapie führt möglicherweise kurzfristig zu geringen Verbesserungen der psychischen HR-QoL, hat aber möglicherweise keine oder nur minimale Wirkungen auf die körperliche HR-QoL. Die Ergebnisse für Vergleiche mit der üblichen Versorgung oder keiner Intervention sind überwiegend sehr unsicher. Das gilt auch für die mittel- und langfristigen Wirkungen.
Ergotherapie hat möglicherweise nur geringe oder keine kurzfristigen Auswirkungen auf die Teilhabe, aber die Evidenz ist sehr begrenzt.
In keiner Studie wurden negative Auswirkungen der Ergotherapie systematisch erfasst. Daher ist unklar, ob Schäden auftreten können.
Es gibt nur begrenzte Evidenz darüber, wie Ergotherapie die körperliche HR-QoL von Menschen mit MS beeinflusst. Wir sind uns nicht sicher, wie wirksam Ergotherapie im Vergleich zur üblichen Versorgung oder keiner Behandlung ist, da es nicht genügend Studien gibt, um verlässliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Zu möglichen schädlichen Wirkungen der Ergotherapie gibt es keine Informationen. Für Menschen mit Multipler Sklerose und einem hohen Grad an Behinderung gibt es zudem nur begrenzte Evidenz zur Ergotherapie.
Eine weitere Einschränkung ist, dass wir sehr unterschiedliche ergotherapeutische Maßnahmen zusammengefasst haben. Dadurch sind die Ergebnisse unsicherer und schwerer zu deuten. Ergotherapie umfasst viele unterschiedliche Ansätze und ist keine einheitliche Behandlung. Weil wir multidisziplinäre Studien ausgeschlossen haben, in denen der Beitrag der Ergotherapie nicht eindeutig beschrieben war, könnten uns wichtige Erkenntnisse entgangen sein.
Es sind weitere Studien nötig, um besser zu verstehen, wie Ergotherapie Menschen mit MS hilft.
Wie aktuell ist die vorliegende Evidenz?
Die Evidenz basiert auf Recherchen, die im November 2024 durchgeführt wurden.
B. Schindler, C. Meiling, freigegeben durch Cochrane Deutschland
Diese Cochrane-Übersichtsarbeit wurde ursprünglich auf Englisch verfasst. Die Genauigkeit der Übersetzung liegt in der Verantwortung des übersetzenden Teams. Die Übersetzung wird mit Sorgfalt angefertigt und folgt standardisierten Verfahren zur Qualitätssicherung. Allerdings gilt im Falle von Unstimmigkeiten, ungenauen oder unpassenden Übersetzungen der englische Originaltext.
Kos D, Boers A, O‚Meara C, Bekkering GE, De Coninck L, Koen M, Freeman J, Hynes SM, Eijssen ICJM. Occupational therapy for multiple sclerosis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2026, Issue 1. Art. No.: CD015371. DOI: 10.1002/14651858.CD015371.pub2.
Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Cochrane Zentrums. Zum Einstellen in die EBP-Datenbank musste der DVE kleinere redaktionelle Änderungen vornehmen.
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Erklärungen der EBP-Fachbegriffe finden Sie im Glossar.
Keyword 1: Neurologie
Keyword 2: Multiple Sklerose (MS)
Keyword 3: Ergotherapie
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